Grenzkosten bei energetischen Sanierungen

Warum sind wirtschaftlich sinnvolle Sanierungsentscheidungen oft schwierig?

Sanierungskosten werden in der Regel in Kosten, die für die reguläre Instandhaltung des Gebäudes anfallen würden (sogenannte „Sowieso-Kosten“) und Kosten, die sich spezifisch auf die Verbesserung der Energieeffizienz beziehen unterteilt.
Das reduziert den rechnerischen Wert der Kosten für die Energieeinsparung erheblich, wenngleich der Eigentümer weiterhin die vollen Kosten real bezahlen muss.
Außerdem werden zusätzliche Benefits wie Wertsteigerung, besserer Hitzeschutz oder die erhöhte Behaglichkeit aufgeführt.
Dieser Ansatz ist nicht falsch aber das Dilemma der Finanzierbarkeit von Sanierungsmaßnahmen bleibt bestehen.

Aus Sicht des Eigentümers bleibt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit bestehen. Die Investition muss vollständig finanziert werden – unabhängig davon, wie die Kosten in wissenschaftlichen oder förderrechtlichen Betrachtungen abgegrenzt werden. Das eingesetzte Kapital könnte alternativ für andere Sanierungsmaßnahmen oder Investitionen verwendet werden. Selbst wenn die Reduzierung von CO₂ im Vordergrund steht, stellt sich die Frage, wo ein zusätzlich investierter Euro den größten Nutzen dafür erzielt. Diese Abwägung beschreibt das Prinzip der Opportunitätskosten.

Bei der Konzeption von Sanierungsökonom fiel mir auf, dass häufig nur der beste Standard angestrebt wird. Auch die Regulierung und Förderung in Deutschland zielt auf immer höhere Standards. Betrachtungen wie Grenzkosten oder Wirtschaftlichkeitsrechnungen sieht man in der Energieberatung für Wohngebäude im Privatsektor relativ selten.

Wissenschaftliche Einordnung

Diese Fragestellung wurde auch wissenschaftlich untersucht. Eine 2023 in der Fachzeitschrift Building and Environment veröffentlichte Open-Access-Studie von Raymond J. Galvin analysiert die Grenzkosten der CO₂-Vermeidung bei energetischen Sanierungen und deren Bedeutung für die Ausgestaltung von Sanierungsstrategien.

Die Untersuchung zeigt, dass die Grenzkosten der CO₂-Vermeidung mit steigendem Effizienzstandard deutlich zunehmen. Bei einer weiteren Absenkung des Heizenergiebedarfs unter etwa 70 kWh/(m²·a) steigen die Kosten je zusätzlich vermiedener Tonne CO₂ erheblich an und können bei sehr hohen Effizienzstandards ein Vielfaches anderer Klimaschutzmaßnahmen erreichen.

Hinweis: Der im Paper genannte Wert beschreibt einen modellierten Heizenergiebedarf und ist nicht mit einem Effizienzhausstandard gleichzusetzen. Die tatsächlichen Referenzwerte eines Gebäudes hängen unter anderem von der Gebäudegeometrie und den Randbedingungen der Berechnung ab. Zur Orientierung liegt der zulässige Primärenergiebedarf eines kompakten Einfamilienhauses im Standard Effizienzhaus 70 (EH70) häufig in einer ähnlichen Größenordnung von rund 70 kWh/(m²·a). Diese Übereinstimmung ist jedoch nicht allgemeingültig.

Nach den Berechnungen des Autors liegt das gesamtwirtschaftliche Kostenoptimum unter den untersuchten Annahmen ungefähr in diesem Effizienzbereich. Dieser Wert ist jedoch keine allgemeingültige Zielgröße für jedes Gebäude. Er beschreibt vielmehr den Bereich, in dem die Summe der untersuchten CO₂-Vermeidungskosten im verwendeten Modell am niedrigsten ausfällt.

Begriffserklärung: Grenzkosten
Im Zusammenhang mit energetischen Sanierungen bezeichnen Grenzkosten nicht die Kosten einer einzelnen Maßnahme. Gemeint sind vielmehr die zusätzlichen Kosten, die entstehen, um durch ein höheres Sanierungsniveau eine weitere Reduzierung des Energieverbrauchs oder der CO₂-Emissionen zu erreichen. Die dafür erforderlichen technischen Maßnahmen können sich von Gebäude zu Gebäude deutlich unterscheiden. Der ökonomische Vergleich bezieht sich daher auf das jeweils erreichte zusätzliche Sanierungsniveau und nicht auf einzelne Bauteile oder Maßnahmen.

Bewertung der Ergebnisse

Wie jede modellbasierte Untersuchung beruhen auch diese Ergebnisse auf bestimmten Annahmen. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass Baukosten, Gebäudetyp, die Abgrenzung der Sowieso-Kosten sowie das tatsächliche Nutzerverhalten die Ergebnisse beeinflussen können. Die berechneten CO₂-Vermeidungskosten stellen daher eher ein günstiges Szenario dar; in der Praxis können sie im Einzelfall höher ausfallen.

Gerade deshalb lassen sich wissenschaftliche Ergebnisse nicht unmittelbar auf ein konkretes Wohngebäude übertragen. Sie liefern jedoch einen wichtigen Orientierungsrahmen für die wirtschaftliche Bewertung verschiedener Sanierungsstrategien.

Aus den Modellrechnungen leitet der Autor ab, dass zunächst Gebäude mit ohnehin anstehenden größeren Instandsetzungen und günstigen konstruktiven Voraussetzungen priorisiert werden sollten. Höhere Effizienzstandards können im Einzelfall sinnvoll sein, sollten jedoch hinsichtlich ihrer zusätzlichen CO₂-Vermeidung und der damit verbundenen Grenzkosten kritisch geprüft werden.

Darüber hinaus diskutiert der Autor die Konsequenzen seiner Ergebnisse für die Ausgestaltung von Förderprogrammen und regulatorischen Mindeststandards. Seine zentrale These lautet, dass eine stärkere Orientierung an den Grenzkosten der CO₂-Vermeidung gesamtwirtschaftlich zu einer effizienteren Mittelverwendung beitragen könnte.

Quelle der wissenschaftlichen Untersuchung: Galvin, Raymond James (2023). Policy pressure to retrofit Germany’s residential buildings to higher energy efficiency standards: A cost-effective way to reduce CO₂ emissions?
In: Building and Environment, Vol. 237, Article 110316.
DOI: 10.1016/j.buildenv.2023.110316

© 2023 The Author. Published by Elsevier Ltd. Licensed under Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) .

Hinweis: Die vorstehenden Inhalte stellen eine eigene Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen des Autors dar. Das Originalpaper ist unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 veröffentlicht und kann vollständig eingesehen werden.

Bedeutung für Eigentümer

Die Studie liefert damit einen wissenschaftlichen Orientierungsrahmen. Welche Sanierungsstrategie für ein konkretes Wohngebäude wirtschaftlich sinnvoll ist, hängt jedoch immer von den technischen Randbedingungen, den Investitionskosten und den individuellen Zielen des Eigentümers ab. Genau an dieser Stelle setzt mein Beratungsansatz an: Ziel ist nicht die technische Detailplanung oder die Optimierung von Fördermitteln, sondern die unabhängige wirtschaftliche Bewertung verschiedener Sanierungsstrategien aus Sicht des Eigentümers.

In meinen Beratungen komme ich häufig zu ähnlichen Einschätzungen bei der wirtschaftlichen Beurteilung einer energetischen Sanierung wie in der Studie dargestellt. Im Menüpunkt Praxisbeispiele wird die Entscheidung EH55 oder EH70 an Hand eines realen Falles erläutert.

Wenn Sie vor einer größeren Sanierungsentscheidung stehen und eine unabhängige Einschätzung suchen, unterstütze ich Sie gerne.


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